» Es gab und wird immer Künstler geben, die die Lager wechseln. Vom Schauspieler zum Musiker, von der Musik auf die Leinwand, selbst vom Sportplatz an die Gitarre oder das Mikrofon. Es gibt eine Menge Kandidaten, die dabei erfolgreich waren, kurzzeitig, langfristig, dauerhaft. Es gibt positive, mediokre und negative Beispiele. Allein die Gescheiterten sind es, die Reflexe auslösen. Elvis Presley, Frank Sinatra, Britney Spears und Madonna. Eminem und 50 Cent, Steve Van Zandt und Meat Loaf und sogar Bushido. Die Liste von Musikern, die sich vor der Kamera versuchten, ist lang. Erfolgreiche Schauspieler, die musikalisch etwas leisten, gibt es einige, solche, die auch auf der Bühne etwas reißen, nur noch sehr wenige. Billy Bob Thornton fiedelt mit seinen Boxmasters, Keanu Reeves schlumpfrockt mit Dogstar, Russell Crowe kräht für ein, zwei Bands, die seinen Namen führen, und Bruce Willis hat zwar die körperliche Präsenz eines Henry Rollins und deutsche Wurzeln wie Rammstein, aber eine stimmliche Durchschlagskraft wie Mike Tyson auf Helium. Bleiben noch Scarlett Johansson, die ein Album einsingt, von dem man nichts hat, weil man sie durch die Lautsprecher der Stereo-Anlage nicht sehen kann und Jamie Foxx, der sich tatsächlich in beiden Genres bewiesen hat.
Was macht es denn eigentlich so schwer für Schauspieler auch zu rocken? Zum einen ist da die Beliebigkeit. Wenn man keine eigenen Ideen hat, orientiert man sich am Mainstream, an Standards, an all dem Zeug, das weder Ecken noch Kanten hat und vor allem nichts eigenes repräsentiert. Mainstream heißt Mainstream, weil er niemandem wehtut und Mutter beim Abwaschen gerne das Radio laufen lassen möchte oder die Musik beim Bügeln nicht stören soll. Will man aber einen eigenen Musikgeschmack entwickeln, muss man selber intensiv Musik konsumieren, hören, sich in Nischen begeben und sehr tief in Szenen eintauchen. Nur so kann ein dezidiertes Kunstverständnis aufkeimen, das gehegt, gepflegt und permanent gefüttert werden will. Wer sich im Vorübergehen im Mainstream niederlassen will, ist zum Scheitern verurteilt, denn im Mainstream regieren die Besten. Die, die seit Jahren nichts anderes machen, ihren Style perfektioniert haben und obendrein exzellente Musiker sind. Versuche mit ihnen mitzuschwimmen und du wirst gnadenlos untergehen. Hat man jedoch eigene Vorstellungen und die Traute, sich vor ein Livepublikum zu werfen, hat man gute Chancen, auch akzeptiert zu werden. Juliette Lewis hat das mit ihren Licks gemacht. Jared will es mit 30 Seconds To Mars wissen.
Als Schauspieler arbeitest du in einer anderen Mühle, Vergleiche sind eigentlich nicht zulässig. Du drehst eine Szene einmal oder zehnmal und dann nie wieder. Eine Szene nur kann entscheidend sein für deinen Ruhm und Menschen erinnern sich noch Jahrzehnte später daran, aber es bleibt eine Momentaufnahme, die vielleicht irgendwann einmal in einer Hommage wieder aufgenommen wird. Du hinterlässt einen Eindruck, wirst Gesprächsthema, mit Glück passierst du die Kritik und wirst Jahre später via DVD im Player von einem einsamen Zuschauer auf der Couch gesehen. Vielleicht schaffst du es, in seinem Herzen etwas zu bewegen. Mit viel Glück und noch mehr Können kannst du sogar erreichen, dass die DVD noch ein weiteres Mal abgespielt wird.
Machst du dagegen Musik ist alles anders. Du stehst inmitten eines kleinen Ensembles, hast im Entstehungsprozess wesentlich mehr Verantwortung und bekommst – wenn alles gut läuft – einen riesigen Haufen mehr an Resonanz. Vielleicht wirst du hundert- oder tausendmal gehört, von ein und demselben Menschen, wenn du seinen Geschmack getroffen hast. Dein Song läuft im Auto, im Bett, beim Abwasch, im Winter, bei der Liebe, im Sommer, bei Regen, in großer Trauer oder bei der besoffensten Party. Du löst Gefühle aus, die wiederholbar sind, die die Jugend konservieren oder nur einen speziellen Moment. Du schaffst Anhaltspunkte, an denen wildfremde Menschen sich gemeinsam glücklich fühlen können, sich verlieren, ausrasten oder durchdrehen. Du hast positive Macht und brauchst dafür nicht einmal die Medien oder die Top Ten. Wenngleich die natürlich auch hilfreich sein können. «