» Ich bin gerührt. Thees, der alte Elefant, der Typ, der nichts vergisst, erzählt zu dem Lied auf der Bühne eine kleine wahre Geschichte, die ich schon tief in meiner Erinnerung vergraben habe. Es geht um Hunde und einen Brief, den ich ihm schrieb. Der Brief endete mit ›Welt = doof‹.
Irgendwann in circa 1997, das monatliche Hardcore Magazin Zap war gefallen und wollte auch nicht mehr aufstehen, hatten Menschen aus dem Zap-Umfeld ein neues Heft gegründet, das eigentlich Stylepolice heißen, dann aber aus Gründen doch Von Vorne & Von Hinten gerufen werden sollte.
Als Hamburg-Korrespondenten hatten wir Thees Uhlmann ausgewählt. Seine Beiträge waren erfrischend und gut, seine Liefermoral allerdings musste mit dem einen oder anderen Arschtritt verbessert werden.
'Jetzt gibt's eins in die Szene' war sein Einstieg bei unserem Heft, mit dem wir die Fanzine-Welt aufkrempeln wollten. Vielleicht haben wir das nicht, aber zumindest die Künstlersozialkasse hat es mir fünf Jahre später als Grundstein und Anfang meiner publizistischen Tätigkeit anerkannt. Manche Sachen rentieren sich in Momenten, in denen man sie schon lange vergessen hat.
Bei Thees Debüt erfuhr man Intimstes aus Hamburg. Zum Beispiel, dass Marcus Wiebusch ein Diddlmauskissen besitzt. Mit seinem Hintern. Immer wenn er an seinem Schreibtisch sitzt. Damals stand der in seinem Schlafzimmer, Hotel-Zeiten sollten erst später kommen. Und siehe da, Reimer Bustorff taucht als nächster auf, ebenso Timo und Klausner, ein Herr Peschel und das ganze L'age d'or Büro. Einfach Thees kleine feine Welt. Heute hätte die Mopo sicher gerne jemanden, der sie aus den Hamburger Schaltzentralen mit Spezialinfos versorgt. Der Bericht endet mit: Meine Freundin hat einen neuen Hund und ich so auch zwangsläufig auch. Er ist männlich und heißt »Goo«, wie die Sonic Youth Platte – »Daydream Nation« wäre auch wirklich ein doofer Name gewesen, oder noch doofer »Experimental Jet Set, Trash and no star.«
Nicht viel später hatten meine kleine Familie und ich uns in Bremen auch einen Hund aus dem Tierheim geholt. Oft waren wir vorher mit verschiedenen Kandidaten aus dem Heim spazieren gegangen – zum Kennenlernen und etwaigem Mehr.
Plötzlich, wir kamen mittlerweile fast jedes zweite Wochenende, war da eine schlanke, weiße, junge Hündin. Lebhaft mit großen, spitz nach oben stehenden Ohren, einer rosa Nase und grauen Sommersprossen im Gesicht. Herzallerliebst. Den Hund wollten wir sofort haben und bekamen ihn auch. Er war ziemlich unerzogen, pinkelte vor Freude durch die Bude, ein echter Tollhund, den wir sofort ins Herz geschlossen hatten.
Allein sein konnte Shira gar nicht gut, also war es keine Frage, dass sie mit der ganzen Familie zum großen Fischmob-Interview Termin musste.
In Hamburg sollten wir Sven Francisco von Fischmob treffen, als Interviewerin wurde unsere 8-jährige Tochter Senya – durchaus mit dem Fischmob-Oevre vertraut – ausgewählt. Nicole und Thees und Goo sollten auch dabei sein. Im Kemal-Altun-Park hatten wir einen schönen Sommertag mit Sven, dem Schrecklichen, das Interview der Kleinen lief sehr gut. Goo versuchte permanent die mindestens doppelt so große Shira zu betören, reichlich Fotos wurden geschossen und anschließend spielten wir alle gegeneinander journalistisch-investigatives Stadt-Land-Fluss.
Mittendrin brach unser weißer Hund durchs Unterholz, hatte sich ein bisschen rumgetrieben - und auf mysteriöse Weise seine Farbe gewechselt.
Anstatt wie zuvor zartweiß-rosa war unser Hund jetzt Hundekacke-Braun. Dem Gestank nach kann es auch Menschenkot gewesen sein. Der nahe liegende Bauwagenplatz ließ Schlimmes befürchten. Der Hund jedenfalls hatte ganze Arbeit beim Wälzen geleistet und wollte nun gerne wieder ein wenig Zuneigung.
Anstelle der Leine, die den Abstand zwischen Mensch und Tier durchaus variabel gestalten lässt, wäre jetzt ein fixer Abstandhalter (wie etwa eine Abschleppstange) notwendig gewesen, um Distanz zu wahren und Direktkontakt, oder gar Vollkontakt zu vermeiden.
Der Termin war beendet. Während alle sich in mein Auto setzten, lief ich mit dem Hund, dessen neue Koloration in der Sonne trocknete, zu jener Wohnung, die Thees und Bodenmüller bei der Kieler Straße bewohnten.
Dort angekommen zog ich mich bis auf die Unterhose aus und nahm Shira unter den interessierten, aber auch ungläubigen Blicken Goos, mit in die Duschkabine. Eine halbe Stunde lang musste ich mit bloßen Händen die angetrocknete Scheiße aus dem Fell rubbeln. Eine harte Arbeit.
Das braune Rinnsal zum Abfluss schien kein Ende zu nehmen. Ein absurde Situation: immer in der Gefahr auszurutschen, lauwarm mit einem Hund zu duschen, müsste ich mir eigentlich doof vorkommen.
Aber das Ganze war kein Witz und würde mich auch nicht umbringen. Diese Erkenntnis ließ mich Anfragen von jenseits der Badezimmertür eher fröhlich als genervt beantworten: »Nein, ich bin noch nicht fertig, ist hartnäckig die Sache.«
Mit etlichen Handtüchern wird die, aus Furcht vor dem Wasser und aus sonstigen Gründen, mittlerweile schwer zitternde Shira abgetrocknet und darf mit Goo schnell hinaus in die Sonne, zum Aufwärmen. Wo sie mit ihrem Verehrer rumtollt und so tut, als könne sie kein Wässerchen trüben.
Charmeur Goo sollte seine neue Flamme nicht wieder sehen. Wenige Tage später, zuhause in Bremen am Osterdeich, tollt Shira mit Hunden auf der großen Wiese am Flussufer umher. Ein großer Hund scheucht sie, ängstlich sucht sie in vollem Lauf Schutz zwischen den parkenden Autos, läuft auf die viel und schnell befahrene Straße, wird von einem Auto erwischt, fliegt durch die Luft.
Als wir bei ihr sind, liegt sie 20 Meter weiter auf der anderen Straßenseite, zusammengerollt, nur noch leise fiepend. Äußerlich eigentlich kaum versehrt.
Ein nettes Ehepaar hält an, fährt direkt mit dem Hund im Kofferraum zum Tierarzt, der stellt den Tod fest.
Ich hebe ein Loch aus, trage das immer noch zusammengerollte, würdevoll aussehende Tier die Treppe herunter. Wir begraben sie mit ihrem Halsband und zusammen mit ihrem Edelstahlnapf im Garten.
Die Fotos von der großen Fischmobsitzung im Park sind nichts geworden, die geliehene Kamera hat komplett versagt. All das schreibe ich Thees zusammengefasst in einem Brief. Der Brief endet mit Welt = doof. «